Freitag, 27. Juli 2012

Business - Lunch

Warum konnten sich Menschen bei ihren Treffen nicht einfach gegenübersitzen und miteinander sprechen? Warum musste immer unbedingt ein Teller zwischen ihnen stehen? Fisch, Vogel, Gemüse? Geschäftsessen, Businesslunches … das war doch ein Widerspruch in sich. Das Säbeln, Aufspiessen Kauen, Schlucken, Augenverdrehen, …. das war doch nicht ästhetisch, fand ich als Teenager. Die meisten Menschen sahen beim Essen irgendwie lächerlich aus. Und ich besonders.

Also achtete ich darauf, beim Essen möglichst nicht beachtet oder gar beobachtet zu werden.  Schon gar nicht von Fremden.  Waren wir eingeladen, beschränkte ich mich bei der kollektiven Nahrungsaufnehme auf die diskretesten, kleinsten Häppchen und schaute angewidert zu, wie sich elegante Frauen riesige Salatblätter in den Mund stopften und würdige Herren an Hühnerschenkel nagten.

Dann kam Daniel. Schwarzes Haar, braungebrannt. Daniel, der schönste Mann aller Zeiten.  Er war Weinbauer und Vorstand der Familie, bei der ich meinen Landdienst verbrachte. Dass er Frau und Kinder hatte, nahm ich gar nicht richtig zur Kenntnis.  Er hatte halt mich nicht gekannt, früher.  Und diesem Bild von einem Mann musste ich am Tisch gegenüber sitzen.  Vor diesen enzianblauen Augen etwas so Peinliches verrichten wie Kauen, Schlucken, Schlingen?  Unmöglich! Schon gar nicht, wenn er sich nach getaner Arbeit frischgeduscht in weissem Hemd  an den Tisch setzte. Ich staunte, himmelte und hungerte.  Er schmatzte und schlürfte, mit aufgestützten Ellbogen, hemmungslos, unbekümmert. Es störte mich nicht. Ich sah zu, wie das Fett von seinem Mundwinkel tropfte, die Sahne in seinem Schnauz klebenblieb.  Daniel! Er war halt ein Genussmensch, verzieh ich ihm.  Dass ich nichts ass, nahm er gar nicht zur Kenntnis.

Seine Frau verabschiedete mich dann vorzeitig, aber mit viel Lob. Bescheiden und still sei ich gewesen. Fast unsichtbar. Wie ein Vögelchen hätte ich gegessen. Daniel hat vermutlich erst nach Tagen gemerkt, dass ich nicht mehr dort war. Wenn überhaupt. Mein Darben für die Aesthetik hatte sich nicht gelohnt.  

Seither esse ich mit. Meistens ungeniert. Nur wenn mir ein Mann in weissem Hemd gegenübersitzt, muss ich ab und zu noch leer schlucken.

Josefine



erschienen am 17. Juli 2012




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