Also achtete ich darauf,
beim Essen möglichst nicht beachtet oder gar beobachtet zu werden. Schon gar nicht von Fremden. Waren wir eingeladen, beschränkte ich mich
bei der kollektiven Nahrungsaufnehme auf die diskretesten, kleinsten Häppchen
und schaute angewidert zu, wie sich elegante Frauen riesige Salatblätter in den
Mund stopften und würdige Herren an Hühnerschenkel nagten.
Dann kam Daniel. Schwarzes
Haar, braungebrannt. Daniel, der schönste Mann aller Zeiten. Er war Weinbauer und Vorstand der Familie,
bei der ich meinen Landdienst verbrachte. Dass er Frau und Kinder hatte, nahm
ich gar nicht richtig zur Kenntnis. Er
hatte halt mich nicht gekannt, früher.
Und diesem Bild von einem Mann musste ich am Tisch gegenüber sitzen. Vor diesen enzianblauen Augen etwas so
Peinliches verrichten wie Kauen, Schlucken, Schlingen? Unmöglich! Schon gar nicht, wenn er sich nach
getaner Arbeit frischgeduscht in weissem Hemd
an den Tisch setzte. Ich staunte, himmelte und hungerte. Er schmatzte und schlürfte, mit aufgestützten
Ellbogen, hemmungslos, unbekümmert. Es störte mich nicht. Ich sah zu, wie das
Fett von seinem Mundwinkel tropfte, die Sahne in seinem Schnauz
klebenblieb. Daniel! Er war halt ein
Genussmensch, verzieh ich ihm. Dass ich
nichts ass, nahm er gar nicht zur Kenntnis.
Seine Frau verabschiedete
mich dann vorzeitig, aber mit viel Lob. Bescheiden und still sei ich gewesen. Fast
unsichtbar. Wie ein Vögelchen hätte ich gegessen. Daniel hat vermutlich erst
nach Tagen gemerkt, dass ich nicht mehr dort war. Wenn überhaupt. Mein Darben
für die Aesthetik hatte sich nicht gelohnt.
Seither esse ich mit.
Meistens ungeniert. Nur wenn mir ein Mann in weissem Hemd gegenübersitzt, muss
ich ab und zu noch leer schlucken.
Josefine
erschienen am 17. Juli 2012
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