Montag, 30. Juli 2012

Dornröschenschlaf


Offenbar bin ich Dornröschen. Und meine Nachbarn auch. Lauter Dornröschen sind wir. Wir schlafen den hundertjährigen Schlaf und träumen davon, dass er endlich kommt. Der Ritter mit goldenem Haar und seidenem Umhang. Ein Ritter, der küssen kann. Wachküssen. Ein ganzes Städtchen.

Frau Landammann hat es uns bei ihrem Rundgang durch den Kanton nämlich wieder einmal gesagt: Ein schönes Städtchen. Schade, dass es so tot ist.“ Auch beim Landessender DRS 1 lautete das Fazit bei der Livesendung „Persönlich“: Tot! Nichts los!
Andere meinen: Romantisch. Aber im Dornröschenschlaf. Dornröschenschlaf? Der Schlaf der armen Prinzessin hat doch hundert Jahre gedauert? Hundert erste Auguste. Hundert wichtige Reden. Hundert Feuerwerke. Schrecklich! Oder etwa schrecklich schön?  Ich bin mir gar nicht sicher.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, gehen ab und zu Leute vorbei. Zugegeben: Wenige. Sie machen ein paar Fotos von unseren malerischen Fassaden, den Geranien, den Brunnen. Dann setzen sie sich an den Rhein, meistens auf der deutschen Seite, essen ein Eis,  machen nochmals ein Foto von drüben, schweizwärts. Danach kehren sie zurück in ihre megacoolen Dörfer, Städte, wo pure Action normal und Langeweile ein Fremdwort ist.

„Hübsch, aber leben könnte ich hier nie“, höre ich Wortfetzen unter meinem Fenster. Soll ich einen Eimer Wasser über die Schwätzer schütten? Sie zur Rede stellen?
„Was fällt ihnen ein? Wir sind keine Schlafstadt! Vielleicht können wir hier keine Hummerschwänze oder Pradatäschchen kaufen. Aber es gibt hier alles, was der Mensch braucht: Schule, Spital, Lebensmittelladen, Bäcker, Spielplätze, Galerien, engagierte, kulturinteressierte Bewohner. Sogar einen eigenen Bahnhof, eine Burg und eine Brücke. Was möchten Sie denn noch? Dass wir auf der Strasse Purzelbäume schlagen?“

Nein, ich werde gar nichts sagen. Das mit dem Dornröschen kann man nämlich auch positiv betrachten. Dornröschen hatte sich während ihres Schlafes von ihrem Burnout erholt. Hatte beim Aufwachen nicht einfach nur einen prächtigen Prinzen, sondern auch viele zündende Ideen. Und der ganze Hofstaat hat begeistert mitgemacht.

Er wird kommen, der Prinz. Hoffentlich nicht zu plötzlich!

Josefine

erschienen in der NFZ am 31.8.2012

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