Mittwoch, 15. August 2012

Auf den Wecker


Fredi verabschiedet sich als Erster. „Mein Wecker rasselt um halb sechs. Täglich!“ entschuldigt er sich.
„Als freier Journalist bist du doch privilegiert! Du kannst beliebig lange liegenbleiben“, versucht der Gastgeber, ihn zum Bleiben zu überreden.
Aber Fredi bleibt stark. Als überzeugter Sozialist predigt er die drei Eckpfeiler Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht nur: er lebt sie. „Ich bin solidarisch mit der armen Mehrheit. Und die ist nicht privilegiert. Die muss leider frühmorgens raus aus den Federn.“
„Die hohen Tiere müssen auch früh aufstehen“, lächelt Johannes maliziös, und reicht seiner Frau die Jacke. „Wann sonst als in der Morgenstunde lässt man uns Manager in Ruhe konzentriert schaffen?“
„Schaffen? Meine Güte. Sag doch gleich erschaffen!“ Seine Frau verdreht die Augen.
„Brutal“, schaut ihnen Lydia kopfschüttelnd nach, und korrigiert sich, als alle sie anstarren, schnell: „Ich meine, das Aufstehen am frühen Morgen. Am Schlimmsten ist es, die Kleinen aus dem Tiefschlaf wachzurütteln. Wenn wir sie, halbschlafend noch, in die Krippe bringen müssen. Das ist einfach unmenschlich.“

„Du bist aber früh zurück“, murmelt der Allerliebste im Halbschlaf. „War’s nicht schön?“
„Doch, doch. Aber es müssen alle früh raus.“
„Arme Schweine!“ Er gähnt „Wir sind alles arme Schweine. Opfer unserer Leistungsgesellschaft.“  Bevor er  wirklich wach wird und anfängt, zu politisieren, lösche ich schnell das Licht.  
„Hast du deine beiden Wecker gestellt?“ raune ich.
„Ich besitze eine innere Uhr. Die beiden Wecker können mich mal“, antwortet er. „Ich erwache sowieso automatisch, immer genau eine Minute, bevor sie losgehen.“
„Aber wenn sie doch nicht losgehen, kannst du auch nicht eine Minute vorher erwachen.“ will ich protestieren. Aber besser, ich stelle jetzt keine dummen Fragen. Sonst ist es mit der Nachtruhe vorbei.
Ist es auch. Für mich wenigstens. Ich höre mein Herz schlagen. Den Brunnen plätschern. Wenn er doch nicht aufwacht? Wenn die innere Uhr versagt?  Wenn er nicht richtig tickt. Ich meine, seine innere Uhr. Nach einer gefühlten Ewigkeit taste ich vorsichtig nach einem der beiden Wecker und stelle ihn auf sechs Uhr. Mein Schlaf ist gerettet!
„Diese Monster gehen mir täglich mehr auf den Wecker!“ stöhnt der Allerliebste. Verschlafen versucht er, wie jeden Morgen, wenigstens einen der beiden k.o. zu schlagen. Das mit der inneren Uhr war wohl nichts. Oder sie geht nach.
Guten Morgen!

Josefine


erschienen in der NFZ am 14. August 2012

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