Mittwoch, 20. Februar 2013

Büromannin



Fräulein Stuber, die Nachbarin von meiner Grossmutter, hat sie mehrmals gewarnt: „Ihre Enkelin, die wird einmal eine Pyromanin!“

Natürlich habe ich dieses komische Wort nicht verstanden, welches meine Nonna besorgt ausstiess,  als ich wieder einmal genussvoll das Streichholz in ihren Holzofen steckte. Pyromanin? Was konnte dies Schlimmes bedeuten? Am Abend schlug ich heimlich im Lexikon nach.  Unter Büro. Büromannin? Leider ergebnislos.

„Das hat nichts mit Büro zu tun, du Totsch. Es bedeutet, dass du spinnst. Dass deine Freude am Zeuseln eine Krankheit ist“, klärte mich meine ältere, kluge Schwester brutal auf.  Krank? Ich war entsetzt.  Wie viele Winter hatte meine heissgeliebte Nonna in ihrer kleinen, kalten Wohnung ausgeharrt,  nur damit ich in der grossen Pause vorbeikommen konnte, um ihr Feuer zu entfachen. Weil sie sich freute, wenn ich begeistert war.  Das Lodern, das Züngeln der Flammen, der Rauch, das Papier, das langsam in sich zusammensank. Das Gefühl, wenn mein Gesicht heiss wurde, bis ich es fast nicht mehr aushielt. Der Geruch. Das alles sollte nun vorbei sein?
„Natürlich nicht“, tröstete mich meine Nonna.  „Du brennst weiter. Es heisst nur, dass es Fräulein Stuber nicht wissen darf. Ich rede einfach nicht mehr mit der.“  So einfach funktionierte damals die Konfliktbewältigung.

*

Viele Jahre später: „Das dürfte etwa das älteste, noch funktionierende Modell im Fricktal sein. Lange wird der es vermutlich nicht mehr machen!“ Der Kaminfeger schlägt das Eisentürchen zu und klopft unserem guten Holzofen, von uns zärtlich Alois genannt, wie einem alten Gaul auf das Hinterteil.   „Sie sollten eine Alternative in petto haben.“

Der Allerliebste, der meine Begeisterung fürs Feuer teilt, versteht meinen Kummer:  „Unser Alois ist ja gerade das Tolle im Haus! Natürlich ist es mühsam, Ster um Ster in den Keller zu schaffen; alle drei Stunden Holz nachzulegen und morgens im eiskalten Haus aufzustehen. Aber unsere Wärme ist um Einiges spannender als die einer Oel- oder Elektroheizung.  Unser Alois bedeutet Leidenschaft.“

Der Fachmann, der nicht nur eine, sondern gleich fünf Alternativen in petto hat, hält nichts von unserer „Pyromantik“. Erklärt uns geduldig die neuesten Technologien. Luft Luft, Schnitzel, Oel, Schnitzel, Strom, Erde Luft. Mir raucht der Kopf.

Nachts schleiche in hinunter in den Keller. Alois ist wieder einmal erkaltet. Fast die ganze Glut ist ausgegangen. Vorsichtig lege ich ein paar Holzscheite auf zerknülltes Papier.  Es braucht  immer mehr Geduld, bis er reagiert. Aber dann, ganz plötzlich, lodert sein Feuer auf. „Du wirst es noch lange machen!“ flüstere ich, bevor ich mich wieder ins Bett schleiche.

„Alois hat die ganze Nacht durchgehalten!“ ruft der Allerliebste am Morgen begeistert. „Von wegen alt!“

Besser, ich stelle mich schlafend.

Josefine

 

Topolino



„Habt ihr zwei Ganoven eigentlich endlich vernünftige Namen?“ Lydia hält meinen beiden roten Katern ein Stückchen Forelle unter die Nasen. „Ueber die Feiertage hatte eure Chefin ja genug Zeit, nachzudenken. Schliesslich hat sie in Italien nicht viel anderes getan, als herumzuliegen.“
„Mit Grippe, bitte sehr!“ wende ich beleidigt ein.
„Also heisst ihr jetzt Influenzino und Febbrino?“ fragt sie augenzwinkernd.
„Die Medizin bietet tatsächlich Inspirationen. Die Katze meiner Nachbarin heisst wirklich Aspirina! Weil das Tier der Signora nachgelaufen ist, nachdem sie Aspirin gekauft hatte.“
„Valium und  Dormicum wäre für euch treffender!“ grinst Lydia mit Blick die Beiden, die entspannt alle Viere von sich gestreckt auf dem Rücken liegen. „Ich versteh sowieso nicht, weshalb ihr nicht einfach eure Originalnamen behalten dürft.“
„Weil sie keine haben. Angeblich. Die Vorbesitzer beteuerten, dass sie den beiden Katern mit Absicht keine Namen gegeben hätten. Weil das doch unsere Aufgabe sei. Deren Tochter hat sich zwar beim Abholen von einem „Diwan“ und einem „Sofa“ verabschiedet. Aber das habe ich überhört. Wir haben schliesslich keine Polstermöbel, sondern Katzen adoptiert.“
„Und was meint Dein Allerliebster?“
„Nomen est omen,  als ich mit ersten Vorschlägen kam wie „Caruso“ oder „Elvis“ Ein Name bedeute Programm für das ganze Leben. Ausserdem könnte sich einer benachteiligt fühlen, wenn der andere eine Supernamen hätte. Dann schlug er Punto und Topolino vor. Punto, weil der Gepunktete eben Punkte hätte, und Topolino, weil, wenn schon Auto-Assoziation, dann konsequent.“
„Männer! Sehr originell. Punto ist ja ok. Aber Topolino ist absolut unmöglich. Man kann doch einen würdigen, erwachsenen Kater nicht Mäuschen nennen. Stell Dir vor, Ihr ruft ihn  von eurem Balkon in Laufenburg aus nach Hause: Topolinoooo! Nooo! Wie peinlich!“
„Er hört eh nicht hin, wenn wir rufen“, wende ich ein. „Aber ich weiss: Topolino bräuchte wirklich einen würdigeren Namen. Wir haben uns auch in Italien Gedanken gemacht.
„Und?“
„Also: Punto bleibt Punto. Und Topolino heisst jetzt Blacky!“
„Blacky?“ Lydia starrt mich fassungslos an. „Spinnst Du? Er ist doch fuchsrot.“
Ich pruste los. „Das war ein Scherz. Aber hör zu: Mein Nachbar, Penno, hat einen neuen Hund. Vorgestern stand er unter meinen Fenster und lockt ihn mit den süssensten Tönen: „Blackyyyy!“ Und was kam um die Ecke? Ein schneeweisser Strassenkötermischling.“
Lydia lässt den Kiefer fallen. „Und warum dann Blacky?“
„Penno kennt kein Englisch. Er weiss nicht, was black bedeutet. Aber in seiner Kindheit fand er einen Hund mal ganz toll. Und der hiess eben Blacky.“
Lydia stöhnt. „Ok. Ich geb’s auf. Nennt Kater Nummer Zwei also ruhig weiterhin Topolino. Und behauptet einfach, dass ihr nicht wisst, dass es Mäuschen bedeutet. Und das arme Tier weiss es vermutlich sowieso nicht.“

Vermutlich? Man sollte Katzen nicht unterschätzen. Aber vielleicht hat ja jemand einen besseren Vorschlag. Wir sind offen, Topolino und ich.

Josefine alias Giuseppina.