Dienstag, 26. März 2013

nicht ganz dicht



Obwohl unsere neu montierten Fenster einen klaren Blick bieten, sind wir doch betrübt. Grund ist die Rechnung des Fensterbauers. Unter MP, was hier nicht Megapixel oder Militärpolizei, sondern Mehrpreis bedeutet, steht: „Grund: Abdichten ausserordentlich grosser Fugenquerschnitte“.

Tja, Altbauten sind immer wieder für eine Ueberraschung gut. Unsere „Fugenquerschnitte“, sprich Ritzen in den uralten Natursteinmauern, waren nämlich ausgestopft mit alten Zeitungen. Diese erfüllten einst neben der Information noch andere Zwecke. Radfahrer stopften sich ihre Jacken damit aus. Man trocknete damit nasse Schuhe. Bastelte Masken, WC-Papier oder Hüte. Vertrieb die Motten. Beschleunigte das Reifen von Tomaten. Und eben: Man isolierte die Wände.

So ein Stopfmaterialrest liegt jetzt auf meinem Schreibtisch. Ein Frickthaler aus 1957. Zerknüllt, vergilbt, bröcklig, aber dort, wo er nicht von Mäusen angeknabbert wurde, noch gut lesbar.
Das Jahresabo kostete damals, also vor 56 Jahren, 19 Franken. Ein Moralist verkündet auf der Frontseite, dass der Hass als Erbschaft der Dämonen die Welt verderben würde, wenn die Liebe erlösche. Ebenfalls auf Seite Eins der Titel: „Israel-Konflikt noch nicht beigelegt“. Im Artikel treten eine „Frau Meir“ und Ben Gurion auf, und es wird prophezeit, dass sich die UNO nicht mehr lange um die Verantwortung drücken könne. Vizepräsident Nixon besucht als Eisenhowers Stellvertreter neben Ghana auch Libyen. In Ungarn werden unter starkem Polizeischutz die sowjetischen Denkmäler und Roten Sterne, „dieses Gesslerhüte unseres Jahrhunderts“, wieder errichtet. „Wie lange bleiben sie wohl am Ort?“ fragt sich der besorgte Korrespondent.

Der regionale Teil klingt etwas harmloser. In Mumpf ging in der Roten Sandgrube ein Erdrutsch nieder, worauf sich der Bach an der Kirche vorbei einen neuen Weg suchte. In Wölflinswil organisierten die Landfrauen einen Fleischverwertungskurs, an dem sich 30 Frauen, zehn Männer inklusive vier Störmetzger beteiligt hätten. In Sulz konnte beim ersten bunten Abend trotz internationalem Programm die Turnhalle nicht ganz gefüllt werden. Obwohl der Conférencier als Bernhard Nr. 2 hätte bezeichnet werden können.

Der Inseratenteil hat den Mäusen am besten geschmeckt. Ein paar Angebote kann ich trotzdem noch entziffern: Kuhkälber, Lourdeswallfahrten, Felle, Tailleurs, Nussbaumaussteuern, Schlachtpferde, Zickzackmaschinen…  Und das Kino Rheingold in Laufenburg Baden lockt mit „Du bist Musik“ mit Caterina Valente unter dem Prädikat „Jugendfördernd“, dazu „Max und Moritz“.

„Kann ich die alte Zeitung entsorgen?“ fragt der Allerliebste. Erschreckt tauche ich wieder auf aus dem Damals. „Entsorgen? Na klar. Ordnung muss sein.“
Wie schade. Unser neues, teures Fugendichtungsmittel wird für nachfolgende Generationen nur noch eines sein: Stinklangweilig.

Josefine

 

 

 

 

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