Freitag, 27. Juli 2012

Hüben und drüben

Eigentlich bin ich keine richtige Grenzgängerin. Zwar begehe ich bei meinem täglichen Spaziergang dem Rhein entlang jeweils mindestens zwei „Übertretungen“. Aber nach dem Gesetz müsste ich als richtige Grenzgängerin hüben arbeiten und drüben wohnen oder umgekehrt. Ich wohne und arbeite aber nur hüben. Drüben beschränkt sich meine Tätigkeit aufs Flanieren. Vom anderen Ufer aus kann ich unser Hüben wunderbar aus Distanz betrachten.

„Distanz ist das Wichtigste“ hat mir mein Kunstlehrer nämlich einst beigebracht. „Immer wieder musst du zwei drei Schritte zurücktreten und die Augen zusammenkneifen, um den Überblick zu bewahren über das, was du tust.“ 

Als Maler wurde er zwar nicht berühmt. Fürs Museum waren seine Bilder nicht progressiv genug. Und gewöhnlichen Leuten fehlten die Säle für seine gigantischen Formate. Aber er war ein grossartiger Philosoph. „Hinsehen, hinsehen, hinsehen“, war seine Devise. „Und zwar nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren, der Nase … mit allen Sinnen!“

Beim heutigen Rheingang habe ich mich für das Ohr entschieden. Nein, das Rauschen in der Ferne ist kein Zug. Es ist ein kleiner Bach, der, bevor er sich dem Fluss ergibt, grossspurig noch schnell auf Wasserfall macht. die Flügelschläge des Schwanenvaters, der einen vermeintlichen Feind in die Flucht schlägt. Eine Schweizer Kreissäge. Klappern von deutschem Geschirr. Das Knirschen des Kieses auf dem Uferweg, unter den Füssen eines älteren Herrn, der näher kommt. „Lo“ murmelt er sein Hallo. Als „Zi“ entwischt mir das Grüezi. Aber auf dieser Flussseite ist dies, so verrät mir sein Räuspern, nicht angebracht. „Lo“ korrigiere ich mich deshalb verlegen. „Lo“ raunt er zufrieden, und das Knirschen wird leiser. Drei Enten flattern vorbei, ohne ihre Nationalität preiszugeben. Hundegebell, in beiden Ländern.

Zeit, um nach Hüben zurückzukehren. Nach ein paar fröhlichen Zis bin ich am Ort, der Zuhause heisst. Morgen werde ich wieder über den Fluss gehen. Auf Distanz.


Josefine

erschienen am 5.6.2012




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