„Distanz ist das Wichtigste“
hat mir mein Kunstlehrer nämlich einst beigebracht. „Immer wieder musst du zwei
drei Schritte zurücktreten und die Augen zusammenkneifen, um den Überblick zu
bewahren über das, was du tust.“
Als Maler wurde er zwar nicht
berühmt. Fürs Museum waren seine Bilder nicht progressiv genug. Und
gewöhnlichen Leuten fehlten die Säle für seine gigantischen Formate. Aber er
war ein grossartiger Philosoph. „Hinsehen, hinsehen, hinsehen“, war seine Devise.
„Und zwar nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren, der Nase … mit
allen Sinnen!“
Beim heutigen Rheingang habe
ich mich für das Ohr entschieden. Nein, das Rauschen in der Ferne ist kein Zug.
Es ist ein kleiner Bach, der, bevor er sich dem Fluss ergibt, grossspurig noch
schnell auf Wasserfall macht. die Flügelschläge des Schwanenvaters, der einen
vermeintlichen Feind in die Flucht schlägt. Eine Schweizer Kreissäge. Klappern
von deutschem Geschirr. Das Knirschen des Kieses auf dem Uferweg, unter den
Füssen eines älteren Herrn, der näher kommt. „Lo“ murmelt er sein Hallo. Als „Zi“
entwischt mir das Grüezi. Aber auf dieser Flussseite ist dies, so verrät mir sein
Räuspern, nicht angebracht. „Lo“ korrigiere ich mich deshalb verlegen. „Lo“ raunt
er zufrieden, und das Knirschen wird leiser. Drei Enten flattern vorbei, ohne
ihre Nationalität preiszugeben. Hundegebell, in beiden Ländern.
Zeit, um nach Hüben
zurückzukehren. Nach ein paar fröhlichen Zis bin ich am Ort, der Zuhause
heisst. Morgen werde ich wieder über den Fluss gehen. Auf Distanz.
Josefine
erschienen am 5.6.2012
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