Freitag, 27. Juli 2012

Dorfchat


Bei der Feuerwehr nehmen sie auch Frauen. „Wänn`s ä Härzigi isch“, lacht der Mann am Telefon. Nachdenklich schau ich in den Spiegel. Vielleicht doch eher zu den Stadthexen? Ratlos huscht mein Blick über die ellenlange Liste, die meine Freundin Lydia für mich ausgedruckt hat. Es gäbe auch noch Vogelschützer, Pontoniers, Gleitschirmflieger, Luftpistolenschützen, Hundeführer, Tambouren und Trachtentänzer. Fast mehr Vereine als Bewohner scheint es hier im Städtchen zu geben.

„Verein muss sein“, hat mir Lydia zum Abschied eingeschärft. „Ohne Verein gehst du unter.“ Lydia ist Expertin in Sachen Integration. Man könnte sie über einem völlig fremden Ort aus einem Flugzeug abwerfen, und innert weniger Stunden wäre sie per Du mit dem Bürgermeister.

„Aber ich kann doch nicht einfach eines Abends in eine Vereinsversammlung und sagen: „Hallo zusammen. Ich will zu Euch gehören. Mein ganzes Leben hab ich davon geträumt, Salme zu fangen oder mit dem Hängegleiter über die Dächer unseres Städtchens zu schweben.“
Schulterzuckend lässt mich Lydia ziehen. „Wenn du die Kontaktmöglickkeiten nicht nützen willst, die dir in deinem neuen Wohnort geboten werden, dann bleibst du halt einsam.“ Doch dann ruft sie mir nach: „Versuch dein Glück wenigstens im Café oder im Postauto. Das gibt es doch hoffentlich in deinem Fricktal.“

Café klingt gut. Schön unverbindlich. Leider sind fast alle in ihre Zeitungen vertieft. Flirten mit ihrem Smartphone oder ihrem Gipfeli. Eine Frau am Nebentisch täschelt einem älteren Herr auf die Hand. „Wenn jetzt die Frau Doktor kommt, sagst du einfach nichts. Es ist besser so. Schweig einfach.“ Der Mann schweigt. „Hast du das verstanden?“ Er schweigt. Am Stammtisch brechen zwei in Gelächter aus. Soll ich mich dazusetzen? „Hallo, darf ich mitlachen?“ Ich bezahle.

Das Postauto also? Kichernde Schüler. Eine Frau mit einem grossen Einkaufskorb, zwei Männer in Anzügen, alle starren ins Leere. Der Chauffeur gibt ganz schön Gas über den Kaistenberg. Ich könnte mich ja einfach fallen lassen, in einer scharfen Kurve. Vielleicht würde das für Kontakt sorgen und sogar Gesprächsstoff liefern?

Im neuen Zuhause google ich mit den beiden Stichworten „Fricktal und Kontakt“. Was mir angeboten wird, ist eine diskrete Affaire, ein Squash-Training, eine Selbsthilfegruppe für ADHS-Betroffene, ein lockeres Treffen mit noch lockererem Herrn und ein Regionalchat.

Vielleicht ist das die Lösung? Chat! Vielleicht gibt es auch einen Dorfchat, ja sogar ein Quartierchat. Dann könnte ich mich endlich mit meinen neuen Nachbarn unterhalten. Und müsste dazu nicht mal aus dem Haus.

Josefine
erschienen am 22.5.2012

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