Dienstag, 26. März 2013

nicht ganz dicht



Obwohl unsere neu montierten Fenster einen klaren Blick bieten, sind wir doch betrübt. Grund ist die Rechnung des Fensterbauers. Unter MP, was hier nicht Megapixel oder Militärpolizei, sondern Mehrpreis bedeutet, steht: „Grund: Abdichten ausserordentlich grosser Fugenquerschnitte“.

Tja, Altbauten sind immer wieder für eine Ueberraschung gut. Unsere „Fugenquerschnitte“, sprich Ritzen in den uralten Natursteinmauern, waren nämlich ausgestopft mit alten Zeitungen. Diese erfüllten einst neben der Information noch andere Zwecke. Radfahrer stopften sich ihre Jacken damit aus. Man trocknete damit nasse Schuhe. Bastelte Masken, WC-Papier oder Hüte. Vertrieb die Motten. Beschleunigte das Reifen von Tomaten. Und eben: Man isolierte die Wände.

So ein Stopfmaterialrest liegt jetzt auf meinem Schreibtisch. Ein Frickthaler aus 1957. Zerknüllt, vergilbt, bröcklig, aber dort, wo er nicht von Mäusen angeknabbert wurde, noch gut lesbar.
Das Jahresabo kostete damals, also vor 56 Jahren, 19 Franken. Ein Moralist verkündet auf der Frontseite, dass der Hass als Erbschaft der Dämonen die Welt verderben würde, wenn die Liebe erlösche. Ebenfalls auf Seite Eins der Titel: „Israel-Konflikt noch nicht beigelegt“. Im Artikel treten eine „Frau Meir“ und Ben Gurion auf, und es wird prophezeit, dass sich die UNO nicht mehr lange um die Verantwortung drücken könne. Vizepräsident Nixon besucht als Eisenhowers Stellvertreter neben Ghana auch Libyen. In Ungarn werden unter starkem Polizeischutz die sowjetischen Denkmäler und Roten Sterne, „dieses Gesslerhüte unseres Jahrhunderts“, wieder errichtet. „Wie lange bleiben sie wohl am Ort?“ fragt sich der besorgte Korrespondent.

Der regionale Teil klingt etwas harmloser. In Mumpf ging in der Roten Sandgrube ein Erdrutsch nieder, worauf sich der Bach an der Kirche vorbei einen neuen Weg suchte. In Wölflinswil organisierten die Landfrauen einen Fleischverwertungskurs, an dem sich 30 Frauen, zehn Männer inklusive vier Störmetzger beteiligt hätten. In Sulz konnte beim ersten bunten Abend trotz internationalem Programm die Turnhalle nicht ganz gefüllt werden. Obwohl der Conférencier als Bernhard Nr. 2 hätte bezeichnet werden können.

Der Inseratenteil hat den Mäusen am besten geschmeckt. Ein paar Angebote kann ich trotzdem noch entziffern: Kuhkälber, Lourdeswallfahrten, Felle, Tailleurs, Nussbaumaussteuern, Schlachtpferde, Zickzackmaschinen…  Und das Kino Rheingold in Laufenburg Baden lockt mit „Du bist Musik“ mit Caterina Valente unter dem Prädikat „Jugendfördernd“, dazu „Max und Moritz“.

„Kann ich die alte Zeitung entsorgen?“ fragt der Allerliebste. Erschreckt tauche ich wieder auf aus dem Damals. „Entsorgen? Na klar. Ordnung muss sein.“
Wie schade. Unser neues, teures Fugendichtungsmittel wird für nachfolgende Generationen nur noch eines sein: Stinklangweilig.

Josefine

 

 

 

 

Beat und Lotti


 
Als ich ihn das erste Mal in den Armen hielt, war er nur zwei drei Zentimeter grösser als ich. Aber er kam mir gigantisch vor. Ich habe ihm mein Leben lang meine Geheimnisse ins Ohr geflüstert, und er hielt immer dicht. Er hat mich beschützt, verstanden; vor allem aber: Er war immer da für mich.

Ich weiss noch, wie mein Vater, der an panischer Angst vor Feuerausbruch litt, mir  regelmässig einschärfte, wie ich mich im Brandfall zu verhalten hätte. Neben dem Aufzählen von  Feuerbekämpfungsmassnahmen musste ich ihm dabei jedes Mal vorlügen, in welcher Reihenfolge ich unsere Wertsachen retten würde. Seine Aktentasche, Mutters Schmuckschatulle, und dann, falls die Zeit und die Feuerwehr es zulassen sollten, den Wurzelholztisch.  Dabei war mir völlig klar, dass ich als erstes meinen Beat in Sicherheit gebracht hätte.

Es hat nie gebrannt. Aber Beat und ich wussten auch so, dass wir uns aufeinander verlassen konnten. Und auch wenn im Laufe meiner „Blütezeit“ Männer auftauchten,  deretwegen er vorübergehend in den Schrank oder unters Bett abtauchen musste, erduldete er das gelassen.
 
Leider sind die vielen Jahre auch an Beat nicht spurlos vorbeigegangen. Der Allerliebste jedenfalls schüttelte besorgt den Kopf, als ich ihm nach dem ersten Treffen etwas verschämt meinen alten Kumpel vorstellte. „Das linke Auge fällt ihm gleich aus dem Kopf. Die Schultergelenke sind ausgekugelt. Und schau dir die zerschundenen Pfoten an. Ein Fuss verliert Holzwolle. Dein Teddy braucht Hilfe, und zwar dringend.“

Am nächsten Morgen schnallte der Allerliebste Beat auf den Rücksitz und fuhr mit ihm „zum Lifting“.  Es war das erste Mal, dass Beat Sicherheitsgurten trug. Ich winkte dem Wagen zerknirscht nach. Rabenbärenmutter!

Als Beat zurückkam, war er nicht mehr der Alte. Das neue Auge war zu neu und etwas grösser als das alte. Die einst so lockeren Arme klemmten. Die Pfoten waren viel zu glatt. Ausserdem hatte die Bärendoktorin ihm einen viel zu knappen Pullover angezogen, und der neue, rote Schal war lächerlich.

Trotzdem machten Beat und ich gute Miene – wie hätte der Allerliebste wissen können, dass manchmal gerade das Unperfekte das Liebenswerte sein konnte?  

Gestern las ich dann einen Bericht über einen berühmten Bärendoktor, dem sogar aus USA und Russland abgeliebte Bären zur Reparatur zugeschickt würden. Er selber, gestand der sympathische Mann, besässe nur zwei alte, zerzauste Teddybären. Aber die Vorstellung, seinem eigenen Ursli oder Ueli flickenderweise mit einer Nadel in die Pfoten stechen zu müssen, wäre ihm ein Graus.  

Uebrigens: Ich habe jetzt für Beat eine Bärendame gefunden. Lotti. Struppig, zum Teil kahl, schielend... Abgeliebt eben. Er wirkt zufrieden. Ich bin es auch. Er ist perfekt, sie … na ja. Jedenfalls ist das Gleichgewicht wieder hergestellt.

Josefine

 

 

 

 

Mittwoch, 20. Februar 2013

Büromannin



Fräulein Stuber, die Nachbarin von meiner Grossmutter, hat sie mehrmals gewarnt: „Ihre Enkelin, die wird einmal eine Pyromanin!“

Natürlich habe ich dieses komische Wort nicht verstanden, welches meine Nonna besorgt ausstiess,  als ich wieder einmal genussvoll das Streichholz in ihren Holzofen steckte. Pyromanin? Was konnte dies Schlimmes bedeuten? Am Abend schlug ich heimlich im Lexikon nach.  Unter Büro. Büromannin? Leider ergebnislos.

„Das hat nichts mit Büro zu tun, du Totsch. Es bedeutet, dass du spinnst. Dass deine Freude am Zeuseln eine Krankheit ist“, klärte mich meine ältere, kluge Schwester brutal auf.  Krank? Ich war entsetzt.  Wie viele Winter hatte meine heissgeliebte Nonna in ihrer kleinen, kalten Wohnung ausgeharrt,  nur damit ich in der grossen Pause vorbeikommen konnte, um ihr Feuer zu entfachen. Weil sie sich freute, wenn ich begeistert war.  Das Lodern, das Züngeln der Flammen, der Rauch, das Papier, das langsam in sich zusammensank. Das Gefühl, wenn mein Gesicht heiss wurde, bis ich es fast nicht mehr aushielt. Der Geruch. Das alles sollte nun vorbei sein?
„Natürlich nicht“, tröstete mich meine Nonna.  „Du brennst weiter. Es heisst nur, dass es Fräulein Stuber nicht wissen darf. Ich rede einfach nicht mehr mit der.“  So einfach funktionierte damals die Konfliktbewältigung.

*

Viele Jahre später: „Das dürfte etwa das älteste, noch funktionierende Modell im Fricktal sein. Lange wird der es vermutlich nicht mehr machen!“ Der Kaminfeger schlägt das Eisentürchen zu und klopft unserem guten Holzofen, von uns zärtlich Alois genannt, wie einem alten Gaul auf das Hinterteil.   „Sie sollten eine Alternative in petto haben.“

Der Allerliebste, der meine Begeisterung fürs Feuer teilt, versteht meinen Kummer:  „Unser Alois ist ja gerade das Tolle im Haus! Natürlich ist es mühsam, Ster um Ster in den Keller zu schaffen; alle drei Stunden Holz nachzulegen und morgens im eiskalten Haus aufzustehen. Aber unsere Wärme ist um Einiges spannender als die einer Oel- oder Elektroheizung.  Unser Alois bedeutet Leidenschaft.“

Der Fachmann, der nicht nur eine, sondern gleich fünf Alternativen in petto hat, hält nichts von unserer „Pyromantik“. Erklärt uns geduldig die neuesten Technologien. Luft Luft, Schnitzel, Oel, Schnitzel, Strom, Erde Luft. Mir raucht der Kopf.

Nachts schleiche in hinunter in den Keller. Alois ist wieder einmal erkaltet. Fast die ganze Glut ist ausgegangen. Vorsichtig lege ich ein paar Holzscheite auf zerknülltes Papier.  Es braucht  immer mehr Geduld, bis er reagiert. Aber dann, ganz plötzlich, lodert sein Feuer auf. „Du wirst es noch lange machen!“ flüstere ich, bevor ich mich wieder ins Bett schleiche.

„Alois hat die ganze Nacht durchgehalten!“ ruft der Allerliebste am Morgen begeistert. „Von wegen alt!“

Besser, ich stelle mich schlafend.

Josefine

 

Topolino



„Habt ihr zwei Ganoven eigentlich endlich vernünftige Namen?“ Lydia hält meinen beiden roten Katern ein Stückchen Forelle unter die Nasen. „Ueber die Feiertage hatte eure Chefin ja genug Zeit, nachzudenken. Schliesslich hat sie in Italien nicht viel anderes getan, als herumzuliegen.“
„Mit Grippe, bitte sehr!“ wende ich beleidigt ein.
„Also heisst ihr jetzt Influenzino und Febbrino?“ fragt sie augenzwinkernd.
„Die Medizin bietet tatsächlich Inspirationen. Die Katze meiner Nachbarin heisst wirklich Aspirina! Weil das Tier der Signora nachgelaufen ist, nachdem sie Aspirin gekauft hatte.“
„Valium und  Dormicum wäre für euch treffender!“ grinst Lydia mit Blick die Beiden, die entspannt alle Viere von sich gestreckt auf dem Rücken liegen. „Ich versteh sowieso nicht, weshalb ihr nicht einfach eure Originalnamen behalten dürft.“
„Weil sie keine haben. Angeblich. Die Vorbesitzer beteuerten, dass sie den beiden Katern mit Absicht keine Namen gegeben hätten. Weil das doch unsere Aufgabe sei. Deren Tochter hat sich zwar beim Abholen von einem „Diwan“ und einem „Sofa“ verabschiedet. Aber das habe ich überhört. Wir haben schliesslich keine Polstermöbel, sondern Katzen adoptiert.“
„Und was meint Dein Allerliebster?“
„Nomen est omen,  als ich mit ersten Vorschlägen kam wie „Caruso“ oder „Elvis“ Ein Name bedeute Programm für das ganze Leben. Ausserdem könnte sich einer benachteiligt fühlen, wenn der andere eine Supernamen hätte. Dann schlug er Punto und Topolino vor. Punto, weil der Gepunktete eben Punkte hätte, und Topolino, weil, wenn schon Auto-Assoziation, dann konsequent.“
„Männer! Sehr originell. Punto ist ja ok. Aber Topolino ist absolut unmöglich. Man kann doch einen würdigen, erwachsenen Kater nicht Mäuschen nennen. Stell Dir vor, Ihr ruft ihn  von eurem Balkon in Laufenburg aus nach Hause: Topolinoooo! Nooo! Wie peinlich!“
„Er hört eh nicht hin, wenn wir rufen“, wende ich ein. „Aber ich weiss: Topolino bräuchte wirklich einen würdigeren Namen. Wir haben uns auch in Italien Gedanken gemacht.
„Und?“
„Also: Punto bleibt Punto. Und Topolino heisst jetzt Blacky!“
„Blacky?“ Lydia starrt mich fassungslos an. „Spinnst Du? Er ist doch fuchsrot.“
Ich pruste los. „Das war ein Scherz. Aber hör zu: Mein Nachbar, Penno, hat einen neuen Hund. Vorgestern stand er unter meinen Fenster und lockt ihn mit den süssensten Tönen: „Blackyyyy!“ Und was kam um die Ecke? Ein schneeweisser Strassenkötermischling.“
Lydia lässt den Kiefer fallen. „Und warum dann Blacky?“
„Penno kennt kein Englisch. Er weiss nicht, was black bedeutet. Aber in seiner Kindheit fand er einen Hund mal ganz toll. Und der hiess eben Blacky.“
Lydia stöhnt. „Ok. Ich geb’s auf. Nennt Kater Nummer Zwei also ruhig weiterhin Topolino. Und behauptet einfach, dass ihr nicht wisst, dass es Mäuschen bedeutet. Und das arme Tier weiss es vermutlich sowieso nicht.“

Vermutlich? Man sollte Katzen nicht unterschätzen. Aber vielleicht hat ja jemand einen besseren Vorschlag. Wir sind offen, Topolino und ich.

Josefine alias Giuseppina.

 

 

 

Montag, 5. November 2012

Boxer


„Stop!“ Energisch entwirre ich die Arme und Beine der beiden ungleichen Kämpfer. Dann packe ich Mäxlein am Kragen, zwinge ihn, mich anzusehen: „Was haben wir abgemacht? Was darf man nicht?“
„Chlüüble. Chräble, Haar risse, Würge. Gingge“, zählt des wütende Monster auf.
„Und? Was war das, was du vorher gemacht hast?“
Unschuldig schaut er mich an. „Boggse. Aber das isch öppis guets. Das isch Schport, säits Mami. Da gaats um Reaktion, Konzentration, Schnälligkeit.“
Ich seufze tief. „Mag sein. Aber auch um Fairness. Ist das fair, was du hier veranstaltest? Schau dir deinen Gegner doch an. Wie winzig der noch ist. Das ist doch nicht gleichwertig!“
„Ich bin nicht winzig!“ mischt sich sein Gegner tapfer ein, statt mir dankbar für die Rettung zu sein. „Und gleich viel wert wie der bin ich noch lange!“  Doch wie Mäxlein drohend seine Faust ballt, trollt er sich klugerweise. Die Gewichtsklasse ist dann doch zu unterschiedlich.


Lydia hört uns nicht, wie wir nach Hause kommen.
„Sicher trainiert s‘Mami  im Luftschutzchäller!“ meint Mäxchen.
Und tatsächlich: Ich traue meinen Augen nicht. Schnaubend, schwitzend, stöhnend schlägt eine zierliche Frau dort auf einen schweren Ledersack ein, der an der Decke befestigt ist.  Umkreist den vermeintlichen Gegner hüpfend, tänzelnd. „Lydia?“
Erschreckt hält sie inne, schlüpft aus den gigantischen Handschuhen, tupft sich mit einem weissen Tuch den Schweiss ab. „Ops. Seid ihr schon zurück?“

Schuldbewusst rührt Lydia zehn Minuten später im Ingwertee. „Ich kenne deine Vorurteile. Darum habe ich nichts erzählt“, kommt sie dann meiner Frage zuvor. „Ich boxe seit einem halben Jahr. Glaub mir, das macht richtig süchtig. Man trainiert nicht nur körperlich, sondern auch mental. Man lernt, achtsam zu sein. Auf sich selber zu vertrauen. Durchzuhalten.“
„Und man wird Aggressionen los“, spöttle ich. „Dein Punchsack ersetzt dir das Schlagmichkissen des Phsychiaters.“
„Kann sein. Das wäre ja auch nicht negativ. Es würde sicher mehr Sinn machen, wenn die Menschen, statt in den Krieg zu ziehen, auf Kissen oder Säcke einschlagen würden. Hast du nicht gelesen, wie die Wallfahrer in Mekka symbolisch den Teufel steinigen, indem Sie Steine oder ihre Sandalen gegen eine Mauer schmeissen?“
„Hab ich. Und dabei überlegt, warum eigentlich bei uns keine solchen Wutmauern existieren.  Für dein Mäxlein zum Beispiel wäre das eine nützliche Einrichtung.“
Misstrauisch schaut mich Lydia an. „Erzähl schon. War mein Sohn nicht lieb?“
„Lieb? Sagen wir mal, er war sportlich.“
„Aber? Das klingt nach Aber.“
 „Vielleicht kannst du ihm ja gelegentlich noch ein paar Regeln beibringen. Zum Beispiel die, dass Schwergewichtler sich nicht von Halbfliegengewichtlern provozieren lassen sollten.“

Josefine

Dienstag, 18. September 2012

Witwenresidenz




Titel sind das A und O. Journalisten und Werber führen uns das jeden Tag vor.  Vom Titel hängt ab, ob wir  eine Story lesen, die wir vielleicht gar nicht erfahren wollen,  und kaufen, was wir vielleicht gar nicht brauchen. Ohne provozierende, skandalöse oder wenigstens irritierende Titel keine Aufmerksamkeit. Beim Blatt mit dem grossen B sind die schlagenden Schlagzeilen Kult. Wer erinnert sich nicht an „Wir sind Papst“ oder „Mallorca wird deutsch“?  Oder an Werbeslogans wie „Nichts ist unmöglich“, „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ oder das viel diskutierte „Geiz ist geil“.
Auch im Fricktaler Immobilienbusiness scheint man das Rezept Irritation begriffen zu haben.  Ich habe nicht schlecht gestaunt, als mir per Werbemail ein Haus unter dem Titel „Witwen- oder Singleresidenz“ zum Kauf angeboten wurde.  Residieren tun wir ja inzwischen alle. Wir wohnen, hausen, leben nicht mehr, sondern residieren. Aber warum ausgerechnet Witwen und Singles? Was ist die Botschaft dahinter? Was haben diese Personengruppen gemeinsam? Sicher mal: Keine Kinder.  Demnach also:  Ruhe im Quartier, bitte!  Aber warum Witwen? Witwen sind doch gar nicht immer lustig, und schon gar nicht immer wohlhabend. Warum also nicht auch Witwer oder Geschiedene? Und warum Singles und nicht gemischte Doppel? Schliesslich hat das Objekt über hundert Quadratmeter Wohnfläche. Oder residiert ein Fricktaler Paar nicht unter zweihundert Quadratmetern?
Die Residenz liege an einer Sackgasse, lese ich, und das klingt irgendwie bedrohlich.  Was geschieht, wenn sich doch mal ein netter Mann verfährt, bei der Witwe nach dem Ausweg fragt und … schon wäre ausgesingelt.  Muss die arme Witwe dann ausziehen? Und, letzte Frage: Warum braucht ein Single eigentlich ein Doppellavabo?

Wie auch immer. Die Irritation ist geglückt. Das Inserat hat mich neugierig gemacht. Auch wenn ich nicht nach Sisseln ziehen will. Vielleicht gibt es in der Nähe etwas Spannendes? Ich klicke weiter. Das Objekt mit dem „Holzabwurf“ in Laufenburg  klingt etwas gefährlich,  Ich dachte immer, die Vorrichtungen in den Fenstergiebeln seien zum Holzaufziehen. Aber abwerfen?  Vielleicht „die blaue Schönheit, umringt von Pflastersteinen“? Wie steht es in Frick? „Golfer aufgepasst: Dieses Haus können Sie nicht abschlagen“. Oh je. Kaufen kann man dort auch prominente Lagen, einen garantierten Wohlfühlcharakter oder eine Villa: „Wie aus dem Ei gepellt: Da bin ich. Neu, modern und in einer super Gemeinde.“   Vielleicht doch lieber nach Rheinfelden?  Von dort kommt nämlich endlich wieder eine, ja die schlagende Zeile: „Ein einundsiebzig Quadratmeter grosser Balkon. Was fällt Ihnen dazu ein?“
Was soll man da bloss antworten? Gibt es eine Wohnung dazu?
Josefine

erschienen am 11. September 2012

Mittwoch, 15. August 2012

Auf den Wecker


Fredi verabschiedet sich als Erster. „Mein Wecker rasselt um halb sechs. Täglich!“ entschuldigt er sich.
„Als freier Journalist bist du doch privilegiert! Du kannst beliebig lange liegenbleiben“, versucht der Gastgeber, ihn zum Bleiben zu überreden.
Aber Fredi bleibt stark. Als überzeugter Sozialist predigt er die drei Eckpfeiler Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht nur: er lebt sie. „Ich bin solidarisch mit der armen Mehrheit. Und die ist nicht privilegiert. Die muss leider frühmorgens raus aus den Federn.“
„Die hohen Tiere müssen auch früh aufstehen“, lächelt Johannes maliziös, und reicht seiner Frau die Jacke. „Wann sonst als in der Morgenstunde lässt man uns Manager in Ruhe konzentriert schaffen?“
„Schaffen? Meine Güte. Sag doch gleich erschaffen!“ Seine Frau verdreht die Augen.
„Brutal“, schaut ihnen Lydia kopfschüttelnd nach, und korrigiert sich, als alle sie anstarren, schnell: „Ich meine, das Aufstehen am frühen Morgen. Am Schlimmsten ist es, die Kleinen aus dem Tiefschlaf wachzurütteln. Wenn wir sie, halbschlafend noch, in die Krippe bringen müssen. Das ist einfach unmenschlich.“

„Du bist aber früh zurück“, murmelt der Allerliebste im Halbschlaf. „War’s nicht schön?“
„Doch, doch. Aber es müssen alle früh raus.“
„Arme Schweine!“ Er gähnt „Wir sind alles arme Schweine. Opfer unserer Leistungsgesellschaft.“  Bevor er  wirklich wach wird und anfängt, zu politisieren, lösche ich schnell das Licht.  
„Hast du deine beiden Wecker gestellt?“ raune ich.
„Ich besitze eine innere Uhr. Die beiden Wecker können mich mal“, antwortet er. „Ich erwache sowieso automatisch, immer genau eine Minute, bevor sie losgehen.“
„Aber wenn sie doch nicht losgehen, kannst du auch nicht eine Minute vorher erwachen.“ will ich protestieren. Aber besser, ich stelle jetzt keine dummen Fragen. Sonst ist es mit der Nachtruhe vorbei.
Ist es auch. Für mich wenigstens. Ich höre mein Herz schlagen. Den Brunnen plätschern. Wenn er doch nicht aufwacht? Wenn die innere Uhr versagt?  Wenn er nicht richtig tickt. Ich meine, seine innere Uhr. Nach einer gefühlten Ewigkeit taste ich vorsichtig nach einem der beiden Wecker und stelle ihn auf sechs Uhr. Mein Schlaf ist gerettet!
„Diese Monster gehen mir täglich mehr auf den Wecker!“ stöhnt der Allerliebste. Verschlafen versucht er, wie jeden Morgen, wenigstens einen der beiden k.o. zu schlagen. Das mit der inneren Uhr war wohl nichts. Oder sie geht nach.
Guten Morgen!

Josefine


erschienen in der NFZ am 14. August 2012

Montag, 30. Juli 2012

Dornröschenschlaf


Offenbar bin ich Dornröschen. Und meine Nachbarn auch. Lauter Dornröschen sind wir. Wir schlafen den hundertjährigen Schlaf und träumen davon, dass er endlich kommt. Der Ritter mit goldenem Haar und seidenem Umhang. Ein Ritter, der küssen kann. Wachküssen. Ein ganzes Städtchen.

Frau Landammann hat es uns bei ihrem Rundgang durch den Kanton nämlich wieder einmal gesagt: Ein schönes Städtchen. Schade, dass es so tot ist.“ Auch beim Landessender DRS 1 lautete das Fazit bei der Livesendung „Persönlich“: Tot! Nichts los!
Andere meinen: Romantisch. Aber im Dornröschenschlaf. Dornröschenschlaf? Der Schlaf der armen Prinzessin hat doch hundert Jahre gedauert? Hundert erste Auguste. Hundert wichtige Reden. Hundert Feuerwerke. Schrecklich! Oder etwa schrecklich schön?  Ich bin mir gar nicht sicher.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, gehen ab und zu Leute vorbei. Zugegeben: Wenige. Sie machen ein paar Fotos von unseren malerischen Fassaden, den Geranien, den Brunnen. Dann setzen sie sich an den Rhein, meistens auf der deutschen Seite, essen ein Eis,  machen nochmals ein Foto von drüben, schweizwärts. Danach kehren sie zurück in ihre megacoolen Dörfer, Städte, wo pure Action normal und Langeweile ein Fremdwort ist.

„Hübsch, aber leben könnte ich hier nie“, höre ich Wortfetzen unter meinem Fenster. Soll ich einen Eimer Wasser über die Schwätzer schütten? Sie zur Rede stellen?
„Was fällt ihnen ein? Wir sind keine Schlafstadt! Vielleicht können wir hier keine Hummerschwänze oder Pradatäschchen kaufen. Aber es gibt hier alles, was der Mensch braucht: Schule, Spital, Lebensmittelladen, Bäcker, Spielplätze, Galerien, engagierte, kulturinteressierte Bewohner. Sogar einen eigenen Bahnhof, eine Burg und eine Brücke. Was möchten Sie denn noch? Dass wir auf der Strasse Purzelbäume schlagen?“

Nein, ich werde gar nichts sagen. Das mit dem Dornröschen kann man nämlich auch positiv betrachten. Dornröschen hatte sich während ihres Schlafes von ihrem Burnout erholt. Hatte beim Aufwachen nicht einfach nur einen prächtigen Prinzen, sondern auch viele zündende Ideen. Und der ganze Hofstaat hat begeistert mitgemacht.

Er wird kommen, der Prinz. Hoffentlich nicht zu plötzlich!

Josefine

erschienen in der NFZ am 31.8.2012

Freitag, 27. Juli 2012

Hüben und drüben

Eigentlich bin ich keine richtige Grenzgängerin. Zwar begehe ich bei meinem täglichen Spaziergang dem Rhein entlang jeweils mindestens zwei „Übertretungen“. Aber nach dem Gesetz müsste ich als richtige Grenzgängerin hüben arbeiten und drüben wohnen oder umgekehrt. Ich wohne und arbeite aber nur hüben. Drüben beschränkt sich meine Tätigkeit aufs Flanieren. Vom anderen Ufer aus kann ich unser Hüben wunderbar aus Distanz betrachten.

„Distanz ist das Wichtigste“ hat mir mein Kunstlehrer nämlich einst beigebracht. „Immer wieder musst du zwei drei Schritte zurücktreten und die Augen zusammenkneifen, um den Überblick zu bewahren über das, was du tust.“ 

Als Maler wurde er zwar nicht berühmt. Fürs Museum waren seine Bilder nicht progressiv genug. Und gewöhnlichen Leuten fehlten die Säle für seine gigantischen Formate. Aber er war ein grossartiger Philosoph. „Hinsehen, hinsehen, hinsehen“, war seine Devise. „Und zwar nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren, der Nase … mit allen Sinnen!“

Beim heutigen Rheingang habe ich mich für das Ohr entschieden. Nein, das Rauschen in der Ferne ist kein Zug. Es ist ein kleiner Bach, der, bevor er sich dem Fluss ergibt, grossspurig noch schnell auf Wasserfall macht. die Flügelschläge des Schwanenvaters, der einen vermeintlichen Feind in die Flucht schlägt. Eine Schweizer Kreissäge. Klappern von deutschem Geschirr. Das Knirschen des Kieses auf dem Uferweg, unter den Füssen eines älteren Herrn, der näher kommt. „Lo“ murmelt er sein Hallo. Als „Zi“ entwischt mir das Grüezi. Aber auf dieser Flussseite ist dies, so verrät mir sein Räuspern, nicht angebracht. „Lo“ korrigiere ich mich deshalb verlegen. „Lo“ raunt er zufrieden, und das Knirschen wird leiser. Drei Enten flattern vorbei, ohne ihre Nationalität preiszugeben. Hundegebell, in beiden Ländern.

Zeit, um nach Hüben zurückzukehren. Nach ein paar fröhlichen Zis bin ich am Ort, der Zuhause heisst. Morgen werde ich wieder über den Fluss gehen. Auf Distanz.


Josefine

erschienen am 5.6.2012




Dorfchat


Bei der Feuerwehr nehmen sie auch Frauen. „Wänn`s ä Härzigi isch“, lacht der Mann am Telefon. Nachdenklich schau ich in den Spiegel. Vielleicht doch eher zu den Stadthexen? Ratlos huscht mein Blick über die ellenlange Liste, die meine Freundin Lydia für mich ausgedruckt hat. Es gäbe auch noch Vogelschützer, Pontoniers, Gleitschirmflieger, Luftpistolenschützen, Hundeführer, Tambouren und Trachtentänzer. Fast mehr Vereine als Bewohner scheint es hier im Städtchen zu geben.

„Verein muss sein“, hat mir Lydia zum Abschied eingeschärft. „Ohne Verein gehst du unter.“ Lydia ist Expertin in Sachen Integration. Man könnte sie über einem völlig fremden Ort aus einem Flugzeug abwerfen, und innert weniger Stunden wäre sie per Du mit dem Bürgermeister.

„Aber ich kann doch nicht einfach eines Abends in eine Vereinsversammlung und sagen: „Hallo zusammen. Ich will zu Euch gehören. Mein ganzes Leben hab ich davon geträumt, Salme zu fangen oder mit dem Hängegleiter über die Dächer unseres Städtchens zu schweben.“
Schulterzuckend lässt mich Lydia ziehen. „Wenn du die Kontaktmöglickkeiten nicht nützen willst, die dir in deinem neuen Wohnort geboten werden, dann bleibst du halt einsam.“ Doch dann ruft sie mir nach: „Versuch dein Glück wenigstens im Café oder im Postauto. Das gibt es doch hoffentlich in deinem Fricktal.“

Café klingt gut. Schön unverbindlich. Leider sind fast alle in ihre Zeitungen vertieft. Flirten mit ihrem Smartphone oder ihrem Gipfeli. Eine Frau am Nebentisch täschelt einem älteren Herr auf die Hand. „Wenn jetzt die Frau Doktor kommt, sagst du einfach nichts. Es ist besser so. Schweig einfach.“ Der Mann schweigt. „Hast du das verstanden?“ Er schweigt. Am Stammtisch brechen zwei in Gelächter aus. Soll ich mich dazusetzen? „Hallo, darf ich mitlachen?“ Ich bezahle.

Das Postauto also? Kichernde Schüler. Eine Frau mit einem grossen Einkaufskorb, zwei Männer in Anzügen, alle starren ins Leere. Der Chauffeur gibt ganz schön Gas über den Kaistenberg. Ich könnte mich ja einfach fallen lassen, in einer scharfen Kurve. Vielleicht würde das für Kontakt sorgen und sogar Gesprächsstoff liefern?

Im neuen Zuhause google ich mit den beiden Stichworten „Fricktal und Kontakt“. Was mir angeboten wird, ist eine diskrete Affaire, ein Squash-Training, eine Selbsthilfegruppe für ADHS-Betroffene, ein lockeres Treffen mit noch lockererem Herrn und ein Regionalchat.

Vielleicht ist das die Lösung? Chat! Vielleicht gibt es auch einen Dorfchat, ja sogar ein Quartierchat. Dann könnte ich mich endlich mit meinen neuen Nachbarn unterhalten. Und müsste dazu nicht mal aus dem Haus.

Josefine
erschienen am 22.5.2012

Katzenhimmel


Wer sagt eigentlich, dass Kolumnen immer  lustig sein müssen?  Sie sind es nicht, genauso wenig wie das Leben. Der süsseste, klügste, liebste Kater aller Zeiten, Grullo, der Held vieler Kolumnen, ist nicht mehr. Dass er „an der Zeit war“, weil er ein stolzes Katzenalter erreicht hat, tröstet wenig. Es ist nie „an der Zeit“, wenn jemand, der wichtig war, plötzlich nicht mehr da ist.

Ich schreibe bewusst „jemand“ und nicht „etwas“, weil Tiere endlich auch vom  Gesetz her nicht mehr als Sache betrachtet werden. Sache? Haustiere sind Emotion pur. Sie sind unsere treuen Begleiter, unsere Freunde. Sie bringen uns zum Lachen, in Bewegung, in einen Lebensrhythmus,  in eine Verantwortung. Sie hören zu, trösten uns, spüren die feinsten Schatten in unseren Gefühlen, nehmen immer für ihr Herrchen, ihr Frauchen Partei.  Und sie geben unserem Leben Heiterkeit, weil sie einfach da sind.

Grullo fehlt überall.  Es ist endgültig. Was für ein Wort! Das Ende ist gültig.  Sein Tellerchen steht unberührt in der Küche. Nie mehr werde ich als ersten Blick am Morgen in seine grünen, klaren und wissenden Augen sehen. Vorbei die Zeit, in der er sich auf die  Tastatur meines Computers setzt, weil er ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt. Nie mehr wird er meine Tulpenzwiebeln ausgraben. Das Sofa zerkratzen. Blindschleichen erschrecken. Besucherhunde in die Flucht schlagen. Meine Gespräche im leeren Haus werden jetzt wirklich zu Selbstgesprächen.  An meinem schwarzen Pullover kleben noch ein paar seiner roten Haare.

Vorbei ist vorbei. Alles fliesst Richtung Vergangenheit. Jede kostbare Minute. Gerne würde ich wissen, wo Grullo jetzt ist. Seine Energie. Seine Intelligenz. „Im Katzenhimmel“, tröstet mich Lydia. „Dort wird er sich mit all den Katzen zusammentun, die einmal dein Leben begleitet haben.  Motore, Luna, Tüpfi, Merlot. Gemeinsam werden sie über dich wachen.  Und irgendwann einmal wird wieder ein kleiner, roter Kater vor deiner Tür stehen. Grullo wird nichts dagegen haben, wenn du den adoptierst. Nicht einfach als billiger Ersatz. Sondern als einer, der dich braucht. Der dich erheitert. Ein neues und eigenwilliges Wesen,“

Ersetzen lässt sich niemand. Und das ist auch gut so. Danke, Grullo, für die schöne Zeit.


Josefine


erschienen am 24. Juli 2012




Business - Lunch

Warum konnten sich Menschen bei ihren Treffen nicht einfach gegenübersitzen und miteinander sprechen? Warum musste immer unbedingt ein Teller zwischen ihnen stehen? Fisch, Vogel, Gemüse? Geschäftsessen, Businesslunches … das war doch ein Widerspruch in sich. Das Säbeln, Aufspiessen Kauen, Schlucken, Augenverdrehen, …. das war doch nicht ästhetisch, fand ich als Teenager. Die meisten Menschen sahen beim Essen irgendwie lächerlich aus. Und ich besonders.

Also achtete ich darauf, beim Essen möglichst nicht beachtet oder gar beobachtet zu werden.  Schon gar nicht von Fremden.  Waren wir eingeladen, beschränkte ich mich bei der kollektiven Nahrungsaufnehme auf die diskretesten, kleinsten Häppchen und schaute angewidert zu, wie sich elegante Frauen riesige Salatblätter in den Mund stopften und würdige Herren an Hühnerschenkel nagten.

Dann kam Daniel. Schwarzes Haar, braungebrannt. Daniel, der schönste Mann aller Zeiten.  Er war Weinbauer und Vorstand der Familie, bei der ich meinen Landdienst verbrachte. Dass er Frau und Kinder hatte, nahm ich gar nicht richtig zur Kenntnis.  Er hatte halt mich nicht gekannt, früher.  Und diesem Bild von einem Mann musste ich am Tisch gegenüber sitzen.  Vor diesen enzianblauen Augen etwas so Peinliches verrichten wie Kauen, Schlucken, Schlingen?  Unmöglich! Schon gar nicht, wenn er sich nach getaner Arbeit frischgeduscht in weissem Hemd  an den Tisch setzte. Ich staunte, himmelte und hungerte.  Er schmatzte und schlürfte, mit aufgestützten Ellbogen, hemmungslos, unbekümmert. Es störte mich nicht. Ich sah zu, wie das Fett von seinem Mundwinkel tropfte, die Sahne in seinem Schnauz klebenblieb.  Daniel! Er war halt ein Genussmensch, verzieh ich ihm.  Dass ich nichts ass, nahm er gar nicht zur Kenntnis.

Seine Frau verabschiedete mich dann vorzeitig, aber mit viel Lob. Bescheiden und still sei ich gewesen. Fast unsichtbar. Wie ein Vögelchen hätte ich gegessen. Daniel hat vermutlich erst nach Tagen gemerkt, dass ich nicht mehr dort war. Wenn überhaupt. Mein Darben für die Aesthetik hatte sich nicht gelohnt.  

Seither esse ich mit. Meistens ungeniert. Nur wenn mir ein Mann in weissem Hemd gegenübersitzt, muss ich ab und zu noch leer schlucken.

Josefine



erschienen am 17. Juli 2012