Dienstag, 18. September 2012

Witwenresidenz




Titel sind das A und O. Journalisten und Werber führen uns das jeden Tag vor.  Vom Titel hängt ab, ob wir  eine Story lesen, die wir vielleicht gar nicht erfahren wollen,  und kaufen, was wir vielleicht gar nicht brauchen. Ohne provozierende, skandalöse oder wenigstens irritierende Titel keine Aufmerksamkeit. Beim Blatt mit dem grossen B sind die schlagenden Schlagzeilen Kult. Wer erinnert sich nicht an „Wir sind Papst“ oder „Mallorca wird deutsch“?  Oder an Werbeslogans wie „Nichts ist unmöglich“, „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ oder das viel diskutierte „Geiz ist geil“.
Auch im Fricktaler Immobilienbusiness scheint man das Rezept Irritation begriffen zu haben.  Ich habe nicht schlecht gestaunt, als mir per Werbemail ein Haus unter dem Titel „Witwen- oder Singleresidenz“ zum Kauf angeboten wurde.  Residieren tun wir ja inzwischen alle. Wir wohnen, hausen, leben nicht mehr, sondern residieren. Aber warum ausgerechnet Witwen und Singles? Was ist die Botschaft dahinter? Was haben diese Personengruppen gemeinsam? Sicher mal: Keine Kinder.  Demnach also:  Ruhe im Quartier, bitte!  Aber warum Witwen? Witwen sind doch gar nicht immer lustig, und schon gar nicht immer wohlhabend. Warum also nicht auch Witwer oder Geschiedene? Und warum Singles und nicht gemischte Doppel? Schliesslich hat das Objekt über hundert Quadratmeter Wohnfläche. Oder residiert ein Fricktaler Paar nicht unter zweihundert Quadratmetern?
Die Residenz liege an einer Sackgasse, lese ich, und das klingt irgendwie bedrohlich.  Was geschieht, wenn sich doch mal ein netter Mann verfährt, bei der Witwe nach dem Ausweg fragt und … schon wäre ausgesingelt.  Muss die arme Witwe dann ausziehen? Und, letzte Frage: Warum braucht ein Single eigentlich ein Doppellavabo?

Wie auch immer. Die Irritation ist geglückt. Das Inserat hat mich neugierig gemacht. Auch wenn ich nicht nach Sisseln ziehen will. Vielleicht gibt es in der Nähe etwas Spannendes? Ich klicke weiter. Das Objekt mit dem „Holzabwurf“ in Laufenburg  klingt etwas gefährlich,  Ich dachte immer, die Vorrichtungen in den Fenstergiebeln seien zum Holzaufziehen. Aber abwerfen?  Vielleicht „die blaue Schönheit, umringt von Pflastersteinen“? Wie steht es in Frick? „Golfer aufgepasst: Dieses Haus können Sie nicht abschlagen“. Oh je. Kaufen kann man dort auch prominente Lagen, einen garantierten Wohlfühlcharakter oder eine Villa: „Wie aus dem Ei gepellt: Da bin ich. Neu, modern und in einer super Gemeinde.“   Vielleicht doch lieber nach Rheinfelden?  Von dort kommt nämlich endlich wieder eine, ja die schlagende Zeile: „Ein einundsiebzig Quadratmeter grosser Balkon. Was fällt Ihnen dazu ein?“
Was soll man da bloss antworten? Gibt es eine Wohnung dazu?
Josefine

erschienen am 11. September 2012

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